Editorial

Editorial von Dr. Birgit Schwab

Dr. Birgit Schwab
Dr. Birgit Schwab ist 1. Vorsitzende des VAA. Foto: Silke Steinraths Photography – VAA

Die neue Unberechenbarkeit verstehen lernen

Politisch befindet sich Deutschland in einem Herbst, der heißer und zugleich holpriger kaum sein könnte. Parallel zieht der weltweite Krisenwirbel weiter kräftig an. Trotzdem scheint die Industrie hierzulande nach einer langen Schwächephase erste Anzeichen einer Stabilisierung zu zeigen. Dies hat auch der Chemieverband VCI in seiner Publikation „Business Worldwide“ kürzlich festgestellt. Demnach ziehen in einzelnen Märkten die Nachfrage und die Preise wieder an, wovon die Chemie- und Pharmabranche hierzulande zum Teil profitiert. Was jedoch bestehen bleibt, so der VCI, sind strukturelle Wettbewerbsnachteile, schwache Investitionen und Unsicherheiten im Welthandel. All dies bremse eine nachhaltige Erholung und sorge für ein langfristig herausforderndes Umfeld. Das belegen auch die jüngsten Werksschließungen in der Branche, die Forschung, Entwicklung und Produktion unter Druck setzen.

Herausforderungen und Krisen haben schon immer zum Alltagsgeschäft von Unternehmen gehört. Neu sind ihr Tempo und ihre zunehmende Gleichzeitigkeit, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Ob Handelskonflikte, Kriege, Extremwetter oder Rohstoffengpässe: Die Rahmenbedingungen von Wertschöpfungsketten verändern sich in immer kürzeren Abständen. Was gestern noch als sicherer Beschaffungsweg galt, kann morgen bereits zum Risikofaktor werden. Die Chemie- und Pharmaindustrie, die sich in der Wertschöpfung näher an der Rohstoffseite befindet als andere Sektoren, spürt das unmittelbar. Damit beschäftigt sich das Spezial auf den Seiten sechs bis 19. Die Vorstellung von einer verlässlichen Ordnung, auf der viele Lieferkettensysteme über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurden, gehört zunehmend der Vergangenheit an. 

Doch die Politik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, weil sie mit einer klügeren Wirtschaftspolitik Einfluss auf die Rahmenbedingungen nehmen könnte. Was dazu nötig wäre, erläutert Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in seinem Gastbeitrag auf den Seiten 24 und 25. Darin geht es um mögliche Maßnahmen auf EU-Ebene gegen die zum Teil wettbewerbswidrige Schwemme an günstigen Kunststoff- und Chemieprodukten beispielsweise aus bestimmten asiatischen Märkten.

In einer Welt, die komplexer und unübersichtlicher geworden ist, kommt es darauf an, Transparenz und Entscheidungsfreiheit zurückzugewinnen. Wir alle sind hier gefordert, indem wir gemeinsam an den Lösungen arbeiten und ein besseres Verständnis von den Zusammenhängen entwickeln.