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Von Jürgen Matthes, Leiter des Themenclusters Internationale Wirtschaftspolitik, Finanz- und Immobilienmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW)
Der Außenhandel mit China ist aus dem Gleichgewicht geraten. In der EU, bei G7 und G20 wird derzeit kontrovers über das Thema „Global Imbalances“ diskutiert. Chinas Handelsbilanzüberschuss mit der Welt wird dieses Jahr wohl erneut auf Rekordniveau liegen.
Das deutsche Defizit im Warenhandel mit China war noch nie so hoch wie 2025 (siehe Abbildung), in diesem Jahr dürfte es noch schlimmer kommen. Es ist mit einem Handelsbilanzdefizit von um die 100 Milliarden Euro zu rechnen. Das wäre eine Versiebenfachung des Handelsbilanzdefizits im Jahr 2019, das mit 14 Milliarden Euro bereits das höchste unter den deutschen Handelspartnern war und in den Vorjahren zwischen 15 und 20 Milliarden Euro schwankte. Wenn unsere Exporte nach China Jahr um Jahr mehr einbrechen, die Importe aber ungebremst weiter steigen, ist zu bezweifeln, dass Handel mit China für Deutschland noch eine Win-win-Konstellation ist.
Dieses Ungleichgewicht hat Gründe: China bietet seine besser gewordenen Produkte zu extremen Niedrigpreisen an, Unterbietungen von 40 bis 50 Prozent sind eher die Regel als die Ausnahme. Das kann trotz gewisser Kostennachteile am Standort Deutschland nicht mit rechten Dingen zugehen. Japan und Südkorea haben auch technologisch aufgeholt, aber sie sind dabei teurer geworden. China wurde besser, aber zugleich billiger.Dahinter stehen massive chinesische Wettbewerbsverzerrungen – also direkte und indirekte staatliche Industriesubventionen sowie eine stark unterbewertete Währung, weil China trotz der gestiegenen Handelsbilanzüberschüsse seine Währung nicht aufwerten lässt, sondern weiter eng am US-Dollar orientiert. Diese Wettbewerbsverzerrungen dürften so groß sein, dass sie das Gros der chinesischen Preisvorteile erklären dürften. Allein der Aufwertungsbedarf des Yuans liegt bei weit über 30 Prozent.
Deutsche Unternehmen haben mit diesen unfairen Preisvorteilen zu kämpfen, wenn sie auf chinesische Wettbewerber treffen. Und zwar Tag für Tag, überall auf der Welt. Die deutsche Wirtschaft ist davon besonders getroffen, weil China zunehmend in den Branchen vordringt, in denen wir unsere Spezialisierungsvorteile haben. Der China-Schock 2.0 trifft Deutschland auch deshalb besonders stark, weil wir eine im internationalen Vergleich noch große und zudem stark exportorientierte Industriebasis haben. Doch wie lange noch?
Das größte Problem für unsere Industriefirmen liegt auf den Exportmärkten, wo China ihnen immer mehr Marktanteile abnimmt – und das in fast allen wichtigen Branchen: nicht nur bei Elektroautos, sondern auch in Chemie, im Maschinenbau und in der Elektroindustrie. Die deutsche Industrie hat zwischen 2019 und 2024 rund 520.000 Erwerbstätige verloren. Eine IW-Schätzung zeigt, dass der Konkurrenzdruck aus China dafür der wichtigste Grund sein dürfte.
In der Basischemie kommt noch das Problem hinzu, dass mit Marktanteilsverlusten an China neue und potenziell kritische Abhängigkeiten zu entstehen drohen. Wenn man Berichten von Unternehmen glaubt, scheint China europäische Wettbewerber bei wichtigen Produkten durch gezielte Preisunterbietungsstrategien aus dem Markt drängen zu wollen, um neue „Chokepoints“ in die Hand zu bekommen. Die betroffenen Firmen haben dem immer weniger entgegenzusetzen, weil sie durch die Kombination von steigenden Energiekosten und einer restriktiven Überregulierung ohnehin schon geschwächt waren.Die wirtschaftspolitische Antwort darauf muss gleichzeitig an verschiedenen Stellen ansetzen. Zunächst geht es um die eigenen Hebel für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Besonders wichtig dabei: Die Energiekosten müssen für energieintensive Firmen auf ein langfristig erträgliches Niveau sinken. Energiewende und Klimaschutz sind so zu gestalten, dass sie mit einer prosperierenden europäischen Industrie kompatibel sind. Und die überbordende Bürokratie muss konsequent abgebaut werden.Doch die eigenen politischen Hausaufgaben zu machen, wird angesichts der gravierenden Wettbewerbsverzerrungen bei Weitem nicht ausreichen. Denn die deutsche Wirtschaft hat gegenüber ihren wichtigen Handelspartnern seit 2019 kaum an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren. Im Zuge der Lieferkettenengpässe stiegen die Erzeugerpreise in den westlichen Industrieländern überall. Daher ist unser relativer Kostennachteil ihnen gegenüber kleiner als gedacht.Gegenüber China ist er durch diese Entwicklung aber sehr groß geworden. Der China-Schock ist also eigentlich ein Preis-Schock, der in den Jahren 2021 und 2022 passierte und in Europa durch die Energiekrise noch verstärkt wurde. Als Reaktion auf das in der Folge stark gestiegene Handelsbilanzdefizit des Euroraums mit China hätte der Yuan eigentlich deutlich gegenüber dem Euro aufwerten müssen. Das Ausbleiben dieser Aufwertung verschärft die künstlichen Preisvorteile durch die chinesischen Subventionen noch weiter und verleiht ihnen noch mehr Durchschlagskraft.Die Antwort auf dieses Problem sind breite Ausgleichszölle mit dem Ziel, für bedrohte Produktion in der EU nur die unfairen Preisvorteile zu korrigieren und so ein Level-Playing-Field zu schaffen. Darüber hinaus bedarf es gezielter Instrumente für eine konsequente Diversifizierung und mehr Resilienz in den internationalen Lieferketten der EU.
Jürgen Matthes ist Leiter des Themenclusters Internationale Wirtschaftspolitik, Finanz- und Immobilienmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.