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Von Timur Slapke und Simone Leuschner

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Interview mit Dr. Lukas Glomb: Verbindung von Effizienz und Resilienz als zentrale Herausforderung

Dr. Lukas Glomb forscht am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS und ist Gastwissenschaftler an der Technischen Universität Nürnberg (UTN) in der Forschungsgruppe „Analytics and Optimization“ um Prof. Alexander Martin. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt Glomb Methoden zur Lieferkettenoptimierung nicht losgelöst von der Praxis, sondern gemeinsam mit Anwendungspartnern aus der Industrie für konkrete Entscheidungssituationen.

VAA Magazin: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation von Lieferketten für Unternehmen zu diesen geopolitisch schwierigen Zeiten? Wo liegen die Herausforderungen?

Glomb: Lieferketten sind heute weniger von einem einzelnen großen Engpass geprägt, sondern von einer dauerhaften Kombination verschiedener Risiken. Geopolitische Konflikte, Handelskonflikte, schwankende Energie- und Rohstoffpreise sowie Störungen wichtiger Transportwege können gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken. Für Unternehmen bedeutet das, dass eine Optimierung auf möglichst niedrige Kosten allein nicht mehr ausreicht. Man muss sich zunehmend fragen: Wie funktioniert meine Lieferkette auch dann noch, wenn sich die Rahmenbedingungen kurzfristig ändern?

Genau darin liegt aus meiner Sicht die zentrale Herausforderung: Effizienz und Resilienz miteinander zu verbinden. Ein zusätzlicher Lieferant oder größere Lagerbestände machen eine Lieferkette robuster, verursachen aber gleichzeitig Kosten. Aus Sicht der Mathematik ist das eine klassische Optimierungsaufgabe – nur eben unter Unsicherheit. Je nach Fragestellung kommen dabei beispielsweise robuste oder stochastische Optimierungsmodelle zum Einsatz. Die vergangenen Krisen haben gezeigt, dass Unternehmen deshalb zunehmend versuchen, Lieferanten zu diversifizieren, alternative Transportwege aufzubauen und kritische Bestände gezielter abzusichern.

Ist es ratsam, Lieferketten neu zu definieren, anders zu steuern und durch mehr eigene Produktionen in Deutschland zu unterstützen?

Ich würde weniger von einer vollständigen Neudefinition sprechen, sondern von einer veränderten Sichtweise auf Lieferketten. Sie sollten stärker als strategische, vernetzte Systeme verstanden werden und nicht nur als operative, isolierte Prozesse. Das bedeutet auch nicht automatisch, alles wieder selbst zu produzieren. Eine stärkere Produktion in Deutschland oder Europa kann bei kritischen Produkten sinnvoll sein, aber sie ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Ebenso wichtig sind beispielsweise die Diversifizierung von Lieferanten, alternative Transportwege oder gezielt aufgebaute Lagerpuffer.

Die entscheidende Frage ist daher nicht „Was muss ich unbedingt selbst produzieren?“, sondern „Welche Abhängigkeiten kann ich akzeptieren und welche Risiken möchte ich absichern?“. Mathematisch betrachtet geht es darum, mehrere Ziele gleichzeitig zu berücksichtigen: Kosten, Versorgungssicherheit, Kapazitäten und zunehmend auch Resilienz oder Nachhaltigkeit. Aus dem klassischen „Minimum Cost“ wird damit eher ein Optimierungsproblem mit mehreren Zielgrößen und Nebenbedingungen, das unterschiedliche Szenarien und Risiken berücksichtigen muss.

Wie kann hier Digitalisierung helfen? Gibt es Tools zur Optimierung?

Digitalisierung schafft zunächst die Datengrundlage, um Lieferketten transparenter zu machen und schneller auf Veränderungen zu reagieren. Daten aus ERP- und Produktionssystemen, aber auch Echtzeitinformationen können helfen, den aktuellen Zustand einer Lieferkette besser abzubilden.

Der nächste Schritt ist die Verbindung dieser Daten mit mathematischer Optimierung. Ein Optimierungsmodell kann beispielsweise berechnen, welche Lieferanten, Produktionsstandorte, Lagerbestände oder Transportwege unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sind. Viele dieser Entscheidungen lassen sich als gemischt-ganzzahlige Optimierungsprobleme formulieren – etwa, wenn es darum geht, ob ein Lieferant genutzt, ein Standort eröffnet oder eine Transportverbindung gewählt wird.

Besonders interessant wird die Kombination mit KI-gestützter Prognose: KI kann beispielsweise Nachfrage, Lieferzeiten oder Ausfälle prognostizieren – die Optimierung entscheidet anschließend, was daraus konkret folgt. Dennoch ist wichtig zu berücksichtigen: Prognosen sind nie perfekt. Deshalb berücksichtigen mathematische Optimierungsmethoden die verbleibenden Unsicherheiten und ermöglichen so wirklich robuste Lösungen. Vereinfacht gesagt: Predict with AI, decide with Optimization.

Ein wichtiger Vorteil daran ist auch die Flexibilität in der Umsetzung: Ein einmal berechneter Plan muss nicht unverändert durchgeführt werden. Mit dynamischen Reoptimierungsansätzen können Entscheidungen laufend aktualisiert werden, sobald neue Informationen vorliegen.

Dr. Lukas Glomb ist Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS sowie Gastwissenschaftler an der Technischen Universität Nürnberg (UTN) in der Forschungsgruppe „Analytics and Optimization“ um Prof. Alexander Martin.

Dr. Lukas Glomb forscht am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS und ist Gastwissenschaftler an der Technischen Universität Nürnberg (UTN) in der Forschungsgruppe „Analytics and Optimization“ um Prof. Alexander Martin.
Foto: Paul Pulkert – Fraunhofer IIS
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Seit 1988 informiert die Bundesvereinigung Logistik (BVL) in ihrer Studienreihe „Trends und Strategien in Logistik und Supply-Chain-Management“ über aktuelle Trends und ihre Einordnung durch die Befragten und bietet damit eine wichtige Orientierung im Wirtschaftsbereich Logistik. Die 16. Ausgabe unter dem Titel „Aufbruch im Umbruch: zukunftsfähig durch digitale, nachhaltige und resiliente Wertschöpfungsketten“ wurde im Januar 2026 veröffentlicht. Sie zeigt, dass die Top-Themen Cybersicherheit und Digitalisierung im Vergleich zur letzten Ausgabe nahezu unverändert bleiben. Die „Triple Transformation“ um Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz wird weiter priorisiert und bildet die zentrale Leitlinie zukunftsfähiger Wertschöpfungsketten. Für die Studie wurden zwischen Juni und August 2025 über 200 Logistik- und SCM-Verantwortliche aus dem deutschsprachigen Raum befragt. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Logistik und Unternehmensführung der Technischen Universität Hamburg und der Hochschule Heilbronn.
 

365 Tage
im Jahr, 24 Stunden am Tag: Logistik findet überall statt. Die Branche impliziert alle arbeitsteiligen Wirtschaftssysteme, in denen es auf eine zeit-, kosten- und mengenoptimierte Verteilung von Gütern und Dienstleistungen ankommt. Logistik ist ein System, das im eigenen Unternehmen, aber auch übergreifend mit Lieferanten und Kunden eine optimale Versorgung mit Materialien, Teilen und Modulen für die Produktion und der Märkte bedeutet, so beschreibt es eine Definition der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Im englischen Sprachraum wird im Synonym von „Supply Chain Management“ gesprochen, also der intelligenten Planung und Steuerung von Wertschöpfungsketten.

Im Jahr 1978
gegründet ist Bundesvereinigung Logistik (BVL) eine gemeinnützige, neutrale und überwiegend ehrenamtliche Organisation. Als Plattform für Manager der Logistik in Industrie, Handel und Dienstleistung sowie für Wissenschaftler und Studierende bildet sie mit heute rund 8.000 Mitgliedern in 38 Regionalgruppen weltweit – 28 davon lokal in Deutschland ehrenamtlich geführt – eine Brücke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und ist Podium für den nationalen und internationalen Gedankenaustausch zwischen Führungskräften aus Logistik und Supply Chain Management.

Rund 3,35 Millionen
Beschäftigte waren laut BVL im Jahr 2024 in logistischen Bereichen wie Handel, Import, Export sowie Produktion, Beschaffung Distribution und Entsorgung in Deutschland tätig und generieren Wert. Mit rund acht Prozent trägt die Logistik zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei und gilt damit als wesentlicher Teil der deutschen Wirtschaft und Unternehmerlandschaft. Sie ist stark von politischen Rahmenbedingungen betroffen, insbesondere durch Regulierung, Berichtspflichten und Infrastrukturpolitik.

Mit 327 Milliarden
Umsatz im Jahr 2023 gilt die Logistikbranche als drittgrößter Wirtschaftsbereich Deutschlands. Gerade in diesen Zeiten werde die Gefährdung der Lieferketten der BVL zufolge deutlich höher wahrgenommen als in früheren Jahren erwartet und verdeutlicht die wachsende Krisenanfälligkeit globaler Lieferketten. Als eine Fähigkeit, mit Krisen, Stress oder Rückschlägen umzugehen, sei Resilienz eine Grundvoraussetzung für zuverlässige Lieferketten und weniger ein Differenzierungsmerkmal. Es sei festzustellen, dass Unternehmen Risiken klar erkennen und ihre Anstrengungen zum Aufbau resilienter Strukturen intensivieren. Gleichzeitig bleibt Resilienz schwer monetarisierbar. Die größten Fortschritte entstehen dort, wo systematische Vorbereitung, Absicherung der physischen Lieferkette und Cybersicherheit gemeinsam gedacht werden.

83,6 Prozent
aller Befragten der BVL-Studie betrachten die Zusammenarbeit in Lieferketten am Beispiel Datenaustausch als geeignete Maßnahme. 81,7 Prozent wünschen sich eine Erhöhung der Transparenz in der Lieferkette, 78,2 Prozent stimmen einem risikoorientierten Lieferantenmanagement zu. 69,8 Prozent sind für ein „Dual Recourcing“ von Rohstoffen und Materialien, 65,3 Prozent für eine Regionalisierung von Lieferketten und 60,4 Prozent für eine Anpassung von Bestellvorlaufzeiten sowie die Lockerung der Just-in-Time-Anforderungen. 59,5 Prozent befürworten eine Erhöhung der Lagerbestände kritischer Produkte, 52 Prozent die Nutzung alternativer Transportmodi und 41,4 Prozent eine stärkere Dezentralisierung durch die Erhöhung der Anzahl von Distributionszentren.

98,5 Prozent
der von der Bundesvereinigung Logistik (BVL) befragten Unternehmen erkennen die Bedeutung der Digitalisierung an und setzen entsprechende Maßnahmen um. Das können zum Beispiel Tools zur Überwachung globaler Lieferketten in Echtzeit sein, um geopolitische Risiken wie zum Beispiel Transportverzögerungen oder Lieferantenausfälle frühzeitig zu erkennen. Oder eine Integration spezialisierter Tools in ein bestehendes ERP-System wie SAP oder Microsoft Dynamics als zentrale Unternehmenssoftware, die alle wichtigen Geschäftsprozesse von Einkauf und Produktion über Lager und Vertrieb bis zur Buchhaltung in einer einzigen Datenbank zusammenführt. Die digitale Transformation in Logistik und SCM sei laut BVL fest etabliert und schreite auch in der Breite spürbar voran – einschließlich der Anpassung von Geschäftsmodellen.