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Zur Jahresmitte fällt die Zwischenbilanz ernüchternd aus. Die Lage der Chemie- und Pharmaindustrie hat eine neue Qualität erreicht: Längst geht es nicht mehr nur um konjunkturelle Trends und vorübergehende Unsicherheiten. Vielmehr stellen sich Grundsatzfragen: Bleibt Deutschland ein wettbewerbsfähiger Industriestandort? Ist der weitere Substanzverlust überhaupt aufzuhalten? Zunehmende geopolitische Spannungen, strukturelle Belastungen und ein komplett aus den Fugen geratener globaler Wettbewerb ohne verlässliche Rahmenbedingungen bringen immer mehr Druck in den Kessel. Strategische Entscheidungen sind daher unausweichlich. In der Politik, aber auch in den Unternehmen. Getroffen von Menschen, die Verantwortung tragen – hier wie dort.
Einen Blick auf diese Gemengelage wirft das Spezial zur Zukunft des Industriestandorts. Es zeigt, wie eng Risiken und Entwicklungsmöglichkeiten zurzeit verknüpft sind. Die Bandbreite reicht von einer Erosion industrieller Strukturen bis hin zu einem immer noch möglichen, innovationsgetriebenen Aufschwung. Gelingt es, die zentralen Stellschrauben konsequent neu einzustellen? Von Energie über Regulierung bis hin zum Investitionsbedarf: Die kommenden Jahre werden nicht über einzelne Trends entscheiden, sondern über die Richtung des Standorts insgesamt. Diese Zuspitzung hat FAZ-Herausgeber Gerald Braunberger in seiner Keynote auf der Delegiertentagung des VAA Anfang Mai in Köln aufgezeigt.
Die Diskussionen auf der Tagung haben auch verdeutlicht, wie klar die Situation inzwischen wahrgenommen wird und wie hoch die Erwartungen an entschlossenes Handeln sind. Gleichzeitig wurde die Rolle einer starken Interessenvertretung durch den VAA sichtbar: Es liegt an uns, die Entwicklungen einzuordnen und Orientierung zu geben. Gerade in volatilen Zeiten gewinnt die Perspektive der Fach- und Führungskräfte an Gewicht.
Was bleibt, sind die Herausforderungen. Sie sind enorm, aber immer noch gestaltbar. Mehr denn je bleibt die Chemie eine Schlüsselbranche für Innovation und Transformation, und zwar für die gesamte Industrie hierzulande. Wenn es den Verantwortlichen in der Politik gelingt, Klarheit in Entscheidungen zu übersetzen, dann können auch wir als Fach- und Führungskräfte in den Unternehmen unsere Verantwortung konsequent wahrnehmen.