Spezial

Zukunft von Chemie und Pharma in Deutschland

Als weltweit größter Chemiekonzern produziert die BASF SE, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, ein breites Spektrum an Chemikalien, Kunststoffen, Veredelungsprodukten, Pflanzenschutzmitteln und Feinchemikalien.
Foto: BASF
Delegiertentagung des VAA Anfang Mai 2026 in Köln.
Foto: Silke Steinraths Photography – VAA
Eine Forscherin der Bayer AG bei der Genomanalyse.
Foto: Bayer AG
Klinische Forschung lebt vom Dialog: Der persönliche Austausch sowie verständliche Beratung und Information sind entscheidend, um Vertrauen zu schaffen und fundierte gemeinsame Entscheidungen zu ermöglichen.
Foto: Boehringer
Produktionsfoto der BASF vom Stammsitz in Ludwigshafen.
Foto: BASF
Ionenaustauscher werden in der Wasseraufbereitung und Flüssigkeitsreinigung eingesetzt.  Links: Lanxess produziert am Standort in Leverkusen Farbstoffe zur Einfärbung von Kunststoffen.
Foto: Lanxess
Der Chemiepark Leuna in Bitterfeld.
Foto: IMG
Dampfgenerator einer Produktionsanlage von Covestro.
Foto: Covestro
Das Wacker-Stammwerk in Burghausen.
Foto: Wacker
Rondo-Wärmebatterie für die Produktionsprozessoptimierung bei Covestro.
Foto: Covestro

Mut zur konsequenten Innovation: VAA startet neue Veranstaltungsreihe

Von Klaus Bernhard Hofmann und Simone Leuschner

Aktuell prägen hohe Energiepreise, zunehmender globaler Wettbewerbsdruck, tiefgreifende Transformationsanforderungen sowie geopolitische Unsicherheiten die Lage der Chemie- und Pharmaindustrie. In einer Phase erheblicher Belastung und struktureller Umbrüche steht die Branche vor einem entscheidenden Wendepunkt. Gleichzeitig eröffnen sich neue strategische Entwicklungsspielräume – vor allem durch Nachhaltigkeitsinnovationen, dem Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, der fortschreitenden Digitalisierung sowie durch potenziell neue globale Handelsabkommen.

Welche strategischen Perspektiven ergeben sich bis 2030? Vor diesem Hintergrund lassen sich aus heutiger Sicht drei plausible Entwicklungsszenarien skizzieren. Im Risikoszenario einer „Erosion des Standorts“ bleiben Energiepreise dauerhaft hoch und regulatorische Rahmenbedingungen komplex. Investitionen würden verstärkt ins Ausland abwandern, was zu einer schrumpfenden Basischemie, zu Standortverlagerungen und zu erheblichen Beschäftigungsverlusten führen könnte.

Das zweite, derzeit wahrscheinlichste Szenario beschreibt eine „selektive Erholung“. Während die Basischemie weiter unter hohem Druck bleibt und restrukturiert wird, verzeichnet die Spezialchemie – etwa in den Bereichen Pharma, Feinchemie oder Batteriematerialien – ein stabiles Wachstum. Digitalisierung trägt hier zur Effizienzsteigerung bei, die Erholung verläuft jedoch ungleichmäßig.

Das dritte Szenario schließlich eröffnet ein Chancenfenster für einen innovationsgetriebenen Aufschwung: Voraussetzungen wären ein erfolgreicher Markthochlauf von grünem Wasserstoff, eine breit skalierte Kreislaufwirtschaft sowie wirksame Investitionsimpulse. In diesem Fall könnte Deutschland seine Rolle als Technologieführer einer nachhaltigen Chemie zurückgewinnen – eingebettet in die Energiewende und neue industrielle Wertschöpfungsketten.

Wo steht die Branche heute? Kurzfristig, in den Jahren 2026 und 2027, bleibt die Lage weiterhin schwierig: Hohe Kosten, rückläufige Produktion und massiver Transformationsdruck bestimmen das Bild. Ab etwa 2028 eröffnen Digitalisierung und Nachhaltigkeit jedoch neue Wachstumsfelder. Langfristig bis 2030 bleibt die Chemieindustrie eine Schlüsselbranche für den Industriestandort Deutschland, allerdings nur unter der Voraussetzung signifikanter Investitionen in grüne Technologien, Energieinfrastruktur und Automatisierung.

Neue Veranstaltungsreihe des VAA


Vor diesem Hintergrund ruft der VAA eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben. Ziel ist es, Orientierung in einer Phase struktureller Unsicherheit zu bieten und die zentralen wirtschafts-, energie- und industriepolitischen Weichenstellungen bis 2030 einzuordnen.

Die Reihe will der Frage nachgehen, ob die aktuelle Krise der deutschen Chemie überwiegend zyklischer Natur ist oder auf einen tiefergehenden Strukturbruch hindeutet. Im Mittelpunkt stehen dabei die entscheidenden Standortfaktoren – Energie, Regulierung und Investitionsklima –, die globalen Wettbewerbsdynamiken mit Blick auf die USA, China und den Nahen Osten sowie realistische Szenarien für Produktion, Wertschöpfung und Beschäftigung bis 2030.

Adressaten der Veranstaltungsreihe sind Fach  und Führungskräfte sowie Entscheidungstragende, die aktuell über Investitionen, Standortstrategien, Portfolioanpassungen und Transformationspfade entscheiden müssen. Erwartet wird keine Detaildiskussion einzelner Technologien, sondern ein klarer, datenbasierter strategischer Rahmen: Was ist gestaltbar – und was nicht? Wo lohnt sich Engagement, und wo sind neue Prioritäten erforderlich?

Den Auftakt bildete die VAA-Delegiertentagung am 9. Mai 2026 mit FAZ Herausgeber Gerald Braunberger zur Zukunft des Industriestandorts Deutschland. In der weiteren Planung stand die Frage im Vordergrund, welches Thema derzeit die größte Orientierung, Entscheidungsrelevanz und den höchsten Diskussionsdruck in unserer Branche erzeugt. Die Antwort ist keine singuläre Fachfrage, sondern eine übergreifende strategische Standort  und Transformationsentscheidung, die Technologie, Ökonomie und Führung miteinander verbindet.

Neustart für Deutschland


Braunberger ist verantwortlicher Herausgeber für Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scheute sich bei seinem Vortrag mit dem Titel „Neustart für Deutschland“ nicht vor deutlichen Worten, um die aktuellen Herausforderungen für den Standort und die Gesellschaft Deutschlands klar einzuordnen: „Wir haben drei große Herausforderung: die Weltpolitik, die Technologieentwicklung, die Demografie. Und in dieser Gemengelage müsste Politik mutig sein. Denn das größte Wachstumspotenzial für Europa ist in Europa vorhanden und wir können es schaffen, doch die Zeit wird knapp.“

Prozesse wirtschaftlichen Niedergangs bislang erfolgreicher Länder, deren Entwicklung sich zunächst langsam zu vollziehen scheint, können, so Braunberger eine Dynamik entwickeln, die nicht mehr beherrschbar ist. Dies hängt mit dem wachsenden Einfluss von Partikularinteressen zusammen, auf welche die Politik gerade dann kurzatmig reagiert, wenn eine an einer langfristigen Strategie ausgerichtete Herangehensweise vonnöten wäre. Diese Interessenspirale verhindert einen Bürokratieabbau. Wenn dann noch eine alternde Gesellschaft überproportional viele Erwerbstätige an den Ruhestand verliert, interessiert sich die Politik nicht mehr für Zukunftsprojekten, sondern für eine auf die ältere Bevölkerung ausgerichtete Sozialpolitik. 

Außerdem verlieren alternde Gesellschaften jedes Gefühl für Risiken. Hinweis dafür ist das Beispiel geringer strategischer Reserven in der Energieversorgung. Auch der Abschied von der Energiesicherheit durch Atom und Kohle zeigt eine mangelnde Realitätswahrnehmung. Gleiches trifft auf die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu. Wenn Wählerinnen und Wähler die Schwäche der demokratischen Parteien zu realistischer Zukunftsplanung spüren, wenden sie sich den Extremen zu, vor denen die demokratischen Parteien sich fürchten. Es entsteht ein Teufelskreis: Aus Angst vor einem Erstarken der Extreme verhindert die politische Mitte gerade jene Reformen, die nötig sind, um Wirtschaft und Gesellschaft so zu empowern, dass die Anziehungskraft der Extreme verschwindet. Es kommt zu einem ständigen „Mit-sich-selbst-beschäftigen“ der demokratischen Parteien und schließlich zu einer tatsächlichen Unfähigkeit zu regieren. 

Braunberger zitierte Artikel aus der FAZ aus den 1930er Jahren, die man heute beinahe textgleich übernehmen können. Dennoch sei Berlin nicht Weimar. Es gebe Mittel und Wege, den Niedergang aufzuhalten, betonte Braunberger. So dürfe man die Idee des Westens als politischem und wirtschaftlichem Akteur nicht aufgeben. Ein Bündnis wie die NATO habe es noch nie gegeben – und könne vielleicht auch einen Trump aushalten. „Europa ist noch auf Jahre verteidigungspolitisch von den USA abhängig, und dies ist besser, als von den Chinesen abhängig zu sein.“

Des Weiteren gibt es aller Deglobalisierung und allem Protektionismus zum Trotz immer noch eine funktionierende Weltwirtschaft. 70 bis 75 Prozent des Welthandels verlaufen nach den Regeln der WTO. Europa benötige eine Koalition der Willigen auf dem Gebiet des Handels. Daher seien die Abkommen mit Indien und Mercosur von so großer Bedeutung. Selbst wenn es auf dem Gebiert der Landwirtschaft zu Kompromissen kommen muss, so überwiegen die Vorteile.

Die EU sollte ihre Hausaufgaben machen und eine Kapitalmarktunion verwirklichen. Sollten alle 27 Mitglieder nicht gemeinsam handeln, so müsse man vielleicht mit sieben Ländern beginnen, so der Vortragende. Der EU-Binnenmarkt sei aufgrund vieler nichttarifärer Hemmnisse, die einem Äquivalent von circa 60 bis 70 Prozent an Zöllen und bis zu 100 Prozent auf dem Gebiet der Dienstleistungen entsprechen, noch lange nicht vollendet. Hier müsse man entscheidend vorankommen. Technologie und Produktivität müssten steigen, Regulierungen zum Beispiel auf dem Gebiet der KI abgebaut werden. 

Braunberger schloss seinen Vortrag mit einem optimistisch klingenden Ergebnis. „Europa hat die Köpfe und das Wissen.“ Seine Bürgerinnen und Bürger können alles. Sie machen Fehler und haben kein öffentliches Bewusstsein von ihrer Aufgabe. Diesen Bewusstseinswandel zu ermöglichen, sei die wichtigste Aufgabe der demokratischen Politik. 

Folgeveranstaltungen auch für Teilbranchen


Eine lebendige Diskussion folgte in Köln den Ausführungen des FAZ-Herausgebers und lieferte die Blaupause für die nächste Veranstaltung, der ebenfalls ein dialogisches Muster zugrunde liegt. Sie soll in Berlin stattfinden. Unter dem Titel „Zukunft der Chemie in Deutschland 2030: Transformieren oder Verlagern? Strategische Entscheidungen unter Energie , Kosten  und Klimadruck“ soll für die kommende Veranstaltung eine Fragestellung adressiert werden, die alle Teilbranchen betrifft, von der Basischemie über Spezial  und Pharmachemie bis hin zur Werkstoffchemie. Sie zwingt zur Priorisierung von Investitionen, Portfolios und Standorten, verbindet ökonomische Realität mit Transformationsambition und ist hoch anschlussfähig für weiterführende Diskussionen. Genau diese Fragen beschäftigen Führungskräfte derzeit unmittelbar. Der VAA befindet sich im Gespräch mit potenziellen Referenten zu diesem Thema.

In den Folgeveranstaltungen rücken technologische und strukturelle Transformationsthemen in den Fokus, etwa die Frage „Dekarbonisierung der Chemie: Was ist bis 2030 realistisch – und was Wunschdenken?“. Ergänzt wird dies durch eine Auseinandersetzung mit der globalen Konkurrenz unter dem Titel „China, USA, Nahost: Warum Standortpolitik allein nicht reicht“.

Eine weitere Veranstaltung gibt schließlich der Branche selbst eine Stimme: „Was bleibt vom Chemiestandort Deutschland?“ Die Veranstaltungen werden abwechselnd analog und digital durchgeführt. Nach Auftaktformaten in Köln ist auch eine Verlagerung nach Berlin geplant, um den direkten Dialog mit der Politik zu suchen.

Ziel der Berliner Veranstaltung ist keine abstrakte Debatte, sondern die Konfrontation analytischer Befunde mit politischer Umsetzbarkeit: Was folgt konkret aus der Diagnose? Teilnehmen werden Führungskräfte der Chemieindustrie auf Vorstand  und Geschäftsführungsebene, Vertreterinnen und Vertreter der Bundes  und Landespolitik, Spitzenverbände sowie Wissenschaft.

Unter dem Leitthema „Industriepolitik für die Chemie 2026 – 2030: Prioritäten statt Wunschlisten“ werden energie  und steuerpolitische Entlastungen, Netzausbau, Planungsbeschleunigung, Beihilfepfade, Carbon Contracts for Difference und Handelsabkommen diskutiert – ebenso wie Zielkonflikte zwischen Klimaschutz, Kosten, Wettbewerbsrecht und Beihilferecht. Auch Fragen des Arbeitsmarkts und der Fachkräfteentwicklung bis 2030 sowie die Kooperationen zwischen Hochschulen und Industrie werden eine zentrale Rolle spielen.

Konkrete Felder der Transformation


Auf dieser Grundlage widmet sich die Reihe anschließend den konkreten Transformationsfeldern der Chemie: der Dekarbonisierung, Digitalisierung und Prozessinnovation, der Rohstoffwende hin zu Kreislaufchemie und Recycling sowie den Wachstums  und Zukunftsfeldern der Spezialchemie, etwa in der Batterie  und Energiechemie. Selbstverständlich werden auch die Pharmaindustrie, Biotechnologie und Life Sciences ebenso berücksichtigt wie Halbleiter  und Elektronikchemikalien.

All diese Themen sind ureigene Anliegen des VAA. Nur wer sie fachlich fundiert transportiert und klar kommuniziert, schafft die Grundlagen für eine mögliche Renaissance der deutschen Chemie- und Pharmabranche. Wie diese Renaissance konkret aussehen kann, wird nicht vorweggenommen. Das wird erarbeitet. Dennoch lassen sich klare Prämissen benennen: wettbewerbsfähige Energiepreise, beschleunigte Genehmigungen, massive Investitionen und eine klare Spezialisierungsstrategie.

Mögliche Ergebnisse wären eine Auslastung von über 80 Prozent der Produktionsanlagen, Wachstum in der Spezialchemie, grüne industrielle Leuchttürme, klimaneutrale Prozesse, robuste Exportpositionen und eine positive Beschäftigungsdynamik in hochqualifizierten Profilen – und damit eine gestärkte internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Diese Schlussfolgerungen sollen abschließend mit namhaften Persönlichkeiten diskutiert und in ein Thesenpaper gegossen werden. Im Zentrum steht dabei die Frage: Welche Zukunft wollen wir – und was ist konkret zu tun? Wir als VAA wollen klare Meilensteine für die Jahre 2026 bis 2030 benennen sowie einen strategischen Ausblick bis 2040 geben.

Beispiele für Innovation in der Branche

  • BASF

    Eine Kreislaufwirtschaft kann die Industriebranchen revolutionieren, indem sie die Ansätze in der Lieferkette reformiert. Anstelle des traditionellen linearen Modells wird ein Übergang hin zu einem Umdenken, Wiederverwenden, Aufbereiten, Umnutzen und Recyclen von Materialien stattfinden. Die Vorteile umfassen die Schonung natürlicher Ressourcen, die Verringerung des Risikos von Engpässen und die Sicherstellung des fortlaufenden Zugangs zu Rohstoffquellen. Dies reduziert CO2-Emissionen und senkt langfristig auch die Kosten. „Insgesamt spielen Beschichtungen und Oberflächenbehandlungen eine entscheidende Rolle in der Kreislaufwirtschaft, indem sie Materialien mit Schutz und Dekoration versehen“, betont Dr. Katharina Fechtner, Innovation Manager – Global Sustainability bei der BASF SE. „Dies bewahrt nicht nur ihren Wert, sondern hat auch das Potenzial, die Kreisläufe zu schließen.“

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  • Bayer

    Mit 88.078 Mitarbeitenden weltweit in den Sektoren Pharmaceuticals, Consumer Health & Crop Science sieht sich die Bayer AG als ein Life-Science-Unternehmen, das gesellschaftliche und ökologische Bedürfnisse durch bahnbrechende Forschung adressiert. „Wir arbeiten heraus, wie Künstliche Intelligenz das umfangreiche Wissen bei Bayer allen zur Verfügung stellen, Prozesse beschleunigen und die Beschäftigten entlasten kann, damit sie an mehr Kreativität unserer Mission arbeiten können“, sagt der Vorstandsvorsitzende Bill Anderson. „Wir investieren weiter erheblich in unsere IT-Infrastruktur, in die Optimierung unserer Ziele und in die Vereinfachung der Datenaufbereitung, damit die Beschäftigten und unsere Kunden vom Wissen des Unternehmens profitieren können. Dieses Unternehmen versorgt 600 Millionen Verbraucher mit Produkten für die tägliche Gesundheit. Es verarbeitet mehr als 25 Milliarden Datensätze in der Genotypisierung von Saatgut. Wenn uns Dynamic Shared Ownership dabei hilft, die Firma unternehmerischer aufzustellen, kann uns agentenbasierte Künstliche Intelligenz dabei helfen, sie effektiver zu machen.“

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  • Boehringer Ingelheim

    Boehringer Ingelheim ist ein forschungsgetriebenes Familienunternehmen mit rund 54.300 Mitarbeitenden weltweit. Seit über 140 Jahren entwickelt das Unternehmen innovative Arzneimittel. Im Humanpharmakologischen Zentrum (HPZ) in Biberach führt Boehringer seit Jahrzehnten klinische Prüfungen der frühen Phase unter höchsten wissenschaftlichen und ethischen Standards durch. Seit Kurzem ergänzt das virtuelle Clinical Study Center die klinische Forschung: In einer digitalen Umgebung können sich Interessierte online anschaulich über Ablauf, Rollen und Sicherheit klinischer Studien informieren.

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  • Covestro

    Covestro ist ein weltweit führender Hersteller von hochwertigen Polymerwerkstoffen und hochperformanten Kunststoffen für verschiedene Industrien. Themen wie Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität sind dem Unternehmen wichtiger denn je. Das Unternehmen ist bestrebt, immer mehr erneuerbare Energien für ihre Produktionsprozesse nutzbar zu machen. Beispiel hierfür ist die Rondo-Wärmebatterie, die elektrische Energie mithilfe von Ziegelsteinen speichert, die seit Jahrhunderten in Stahlwerken zur Wärmespeicherung eingesetzt werden. Bereits Ende 2026 soll die „100 MWh Rondo Heat Battery (RHB)“ in Betrieb gehen. Die Stiftung Breakthrough Energy Catalyst und die Europäische Investitionsbank (EIB) fördern das Projekt. Die Batterie wird zehn Prozent des benötigten Dampfes am Standort produzieren, was bis zu 13.000 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr einspart.

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  • Lanxess

    Mit rund 11.700 Mitarbeitenden in 32 Ländern zählt Lanxess zu den führenden Spezialchemiekonzernen weltweit. Qualität gilt dem Unternehmen mit Hauptsitz in Köln als höchstes Gut: Der eigene Anspruch ist, die Zukunft der chemischen Industrie durch qualitativ hochwertige und innovative Produkte, nachhaltige Lösungen und eine hohe technische Kompetenz zu gestalten sowie Qualität höchste Priorität geben. Diesen Anspruch stellt das Unternehmen an sich selbst, aber auch an seine Lieferanten und Dienstleister. Damit gilt der Lanxess-Qualitätsanspruch für die Entwicklung und Produktion genauso wie für alle angegliederten Prozesse und Abläufe.

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  • Wacker

    Auf dem Weg zum Grünen Silizium: Am Standort Holla in Norwegen beginnt Wacker, bei der Erzeugung von Silizium fossile Steinkohle durch biogenen Kohlenstoff zu ersetzen. So entstehen bei der Reduktion von Quarz zu metallurgischem Silizium prozessbedingt CO2-Emissionen. Durch den Einsatz von biogenem Kohlenstoff vermeidet Wacker fossile CO2-Emissionen und kommt damit der Produktion von „grünem Silizium“ einen deutlichen Schritt näher.

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Interview mit Thilo Höchst: Chemieparks im Stresstest der Transformation

Thilo Höchst ist als Abteilungsleiter im Verband der Chemischen Industrie (VCI) unter anderem zuständig für Umweltschutz, Anlagensicherheit, Verkehr. Zudem ist er Geschäftsführer der VCI-Fachvereinigung Chemieparks. Er bezeugt, wie hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und ein spürbarer Beschäftigungsabbau die chemische Industrie in Deutschland massiv unter Druck setzen. Dabei zeigt Höchst die Belastungsgrenzen für Chemiestandorte auf, eröffnet aber auch Chancen für die Zukunft.

VAA Magazin: Wie schätzen Sie die Lage der heimischen chemischen Industrie derzeit ein?

Höchst: Die Situation ist seit fünf bis sechs Jahren schon schwierig und hat sich kontinuierlich verschärft. Besonders betroffen ist die Chemie, da sie am Anfang vieler Wertschöpfungsketten steht. Deutschland verantwortet rund ein Viertel der europäischen Chemieproduktion, weshalb die Auswirkungen hier besonders stark sind.

Welche Bedeutung haben Chemieparks in dieser Situation?

Rund 60 Prozent der Beschäftigten der chemischen Industrie arbeiten in Chemieparks. Sie sind zentrale Plattformen für Transformation, etwa bei der Nutzung nachwachsender Rohstoffe, der Gewinnung und Rückgewinnung kritischer Rohstoffe, beim chemischen und thermischen Recycling sowie bei hocheffizienter Energieerzeugung. Darüber hinaus stellt die Chemie unverzichtbare Basisprodukte für Windkraft, Batteriesysteme und das Batterierecycling bereit. All das setzt allerdings wirtschaftliche Stärke voraus – und die fehlt derzeit häufig.

Wo liegen die größten strukturellen Probleme?

Die Energiefrage und die Rohstoffversorgung sind ganz entscheidend – sowohl preislich als auch in Bezug auf Verfügbarkeit. Ohne wettbewerbsfähige Energiepreise und politische Unterstützung ist eine nachhaltige Transformation kaum möglich. Diese Gemengelage wirkt sich unmittelbar auf Beschäftigung und Investitionen aus.

Zeigt sich das auch am Arbeitsmarkt der Branche?

Sehr deutlich. Ingenieure, etwa aus dem Maschinenbau, waren lange extrem gefragt. Heute finden selbst Absolventen exzellenter Universitäten teilweise keine Anstellung mehr. Mittelständische Unternehmen, die früher händeringend hochqualifizierte Fachkräfte gesucht haben, erhalten plötzlich zahlreiche Bewerbungen, ohne Stellen zu besetzen. Das markiert einen tiefgreifenden Strukturbruch – auch im Selbstverständnis einer Branche, die lange von Stabilität geprägt war.

Was leisten Chemieparks für die dort angesiedelten Unternehmen?

Wir vertreten im VCI insgesamt 42 Chemieparkstandorte. Chemieparks bündeln die Infrastruktur mit regulatorischem Know‑how. Denn die gesetzliche Komplexität ist enorm, gerade für kleine und mittlere Unternehmen kaum zu bewältigen. Chemieparks stellen Flächen, Energieversorgung, Entsorgungsanlagen und Expertise bereit – ein funktionales „Plug‑and‑Play-Prinzip“. Das macht Standorte grundsätzlich robuster, ersetzt aber keine wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen.

Reichen diese Synergien aus, um der Krise entgegenzuwirken?

Nein. Sie mildern Belastungen etwas ab, können die Wucht der Krise aber überhaupt nicht kompensieren. Die politischen Versäumnisse reichen ja sechs bis zehn Jahre zurück – und es tut sich zu wenig und viel zu spät. Ohne schnelle und wirksame Maßnahmen geraten immer mehr Standorte unter existenziellen Druck.

Gibt es denn Positivbeispiele?

Ein bisher einmaliger Fall ist Leuna. Dort konnte für eine Anlage, deren Stilllegung vorgesehen war, ein Gemeinschaftsunternehmen zwischen Standortbetreiber und einem am Standort angesiedelten Unternehmens gegründet werden. Dieses führt jetzt den Betrieb der Anlage fort. Das ist in Deutschland bislang einzigartig. Man muss auch hierbei berücksichtigen, dass kleine Chemieparks mit nur wenigen Großbetrieben deutlich anfälliger sind als große Standorte mit bis zu 80 Unternehmen oder mehr. Eine allgemeingültige Lösung gibt es eben nicht.

Welche Innovationspotenziale bieten Chemieparks?

Viele arbeiten eng mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen, bieten Hightech‑Labore an den Standorten an und fördern Standortcluster, etwa im Bereich Kunststoffe oder Recycling. Auch Start-ups spielen eine Rolle – allerdings nur, wenn Geschäftsmodell und Pilotfähigkeit stimmen. Chemieparks können es sich nicht leisten, Projekte ohne Perspektive zu tragen – das sind maßgeschneiderte Kooperationen, die passen müssen.

Welche Bedeutung hat die Kreislaufwirtschaft für Chemieparks?

Sie ist zentral. Deutschland ist im chemischen und thermischen Recycling technologisch führend, entsprechend groß ist die Nachfrage für das Betreiben solcher Anlagen in den Chemieparks – etwa bei Kunststoffen, Batterien und der Rohstoffrückgewinnung. Viele Projekte starten als Pilotanlagen und werden bei erprobten und erfolgreichen Verfahren anschließend in Produktionsanlagen realisiert, teils modular. Beispiele sind eine Bioraffinerie, wiederum in Leuna, die ausschließlich mit Buchenholz arbeitet und künftig 220.000 Tonnen Biochemikalien pro Jahr produzieren soll, oder Projekte zur Wärmegewinnung aus Sole mit gleichzeitiger Lithiumextraktion für die Batterieproduktion. Das zeigt, welches strategische Potenzial Chemieparks haben – jedoch nur dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Thilo Höchst ist als Abteilungsleiter im Verband der Chemischen Industrie (VCI) unter anderem zuständig für Umweltschutz, Anlagensicherheit, Verkehr. Zudem ist er Geschäftsführer der VCI-Fachvereinigung Chemieparks.
Foto: Thomas Lohnes – VCI

Thilo Hoechst ist Abteilungsleiter Umweltschutz, Anlagensicherheit, Verkehr, Chemieparks, Strahlenschutz, TUIS im Verband der Chemischen Industrie (VCI) und Geschäftsführer der VCI-Fachvereinigung Chemieparks.

Zahlen und Fakten: Chemiepark Marl

Der Chemiepark Marl gehört zu den größten Evonik-Standorten.
Foto: Evonik

Fünf Millionen
Tonnen Produkte aus 15 Unternehmen verlassen den Chemiepark Marl jährlich. Das entspricht etwa einer Menge von zehn Binnenschiffen pro Tag. Der Schwerpunkt der Produktion in Marl liegt auf der Umsetzung von Rohstoffen wie Benzol, Ethylen, Propylen, Methanol und C4-Kohlenwasserstoffen zu Basis-, Fein- und Spezialchemikalien. C4-Kohlenwasserstoffe werden zu Butadien und Weichmachern, Kochsalz und Ethylen zu PVC, Flüssiggas über Acetylen zu Butandiol, Fettalkohole und Ethylenoxid zu Tensiden und Propen über Acrylsäure zu Butylacrylat umgesetzt. All diese Vor- und Zwischenprodukte finden sich nach der Weiterverarbeitung in verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens wieder, zum Beispiel in Produkten wie Tapeten, Farben und Shampoo oder auch in Hygieneartikeln, Pharmazeutika und als Komponenten für den 3-D-Druck.

2,4 Terrawattstunden
Strom pro Jahr und 500 Tonnen Dampf pro Stunde werden im Chemiepark Marl erzeugt und verbraucht. Hochmoderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke produzieren die für die Anlagen notwendige Energie und haben die CO2-Emissionen des Chemieparks – im Vergleich zur früheren Erzeugung aus Steinkohlekraftwerken – um rund eine Million Tonnen pro Jahr gesenkt. Der Chemiepark verfügt über eine eigene Infrastruktur mit zwei Kläranlagen, einem Hafen und einem Bahnhof, Containerumschlag sowie erschlossenen Wasser-, Zug- und Straßenanbindungen. Für die Zukunft planen die Betreiber zunehmend, im Bereich des grünen Wasserstoffs tätig zu werden und den Chemiepark zum „Wasserstoff-Hub“ für Nordrhein-Westfalen oder sogar deutschlandweit zu entwickeln. Wasserstoff hat eine lange Geschichte im Chemiepark Marl: Seit seiner Gründung von 85 Jahren werden hier große Wasserstoffmengen erzeugt und verbraucht.

Rund 10.000
Menschen arbeiten in den 20 ansässigen Unternehmen im Chemiepark Marl. Zu Jahresbeginn 2026 übernahm die SYNEQT GmbH, ein 100-prozentiges Tochterunternehmen von Evonik, den Betrieb als neuer Infrastrukturdienstleister des Standorts und bündelt die Aktivitäten der Chemieparks Marl und Wesseling. Nach seiner Gründung im Jahr 1938 als „Chemische Werke Hüls GmbH“ gilt der Chemiepark Marl im nördlichen Ruhrgebiet inzwischen als einer der größten Synergiestandorte in Deutschland, auf dessen Gelände von etwa 600 Hektar Fläche sich circa 100 Produktionsanlagen zusammenfinden. Die Anlagen stehen in einem engen, stofflichen und energetischen Verbund und werden zum größten Teil rund um die Uhr betrieben.

17.890 Auszubildende
haben in den vergangenen 86 Jahren ihre Ausbildung im Chemiepark Marl erfolgreich abgeschlossen, die durchschnittliche Bestehensquote liegt bei rund 98 Prozent. Davon entfallen 8.384 Abschlüsse auf naturwissenschaftliche, 5.890 auf technische und 3.616 auf kaufmännische Berufe. Bei der feierlichen Verabschiedung der Winterprüflinge aus Marl, Herne und Witten im Chemiepark Marl in diesem Jahr haben 107 Auszubildende ihre erfolgreich bestandene Abschlussprüfung gefeiert. Dem Beruf „Chemikant/-in“ fällt mit 60 erfolgreichen Abschlüssen dabei der größte Anteil zu, darauf folgen 13 Abschlüsse für „Anlagenmechaniker/-in“, 14 für „Chemielaborant/-in“, sieben für „Elektroniker/-in für Automatisierungstechnik“, zwei für „Elektroniker/-in für Automatisierungstechnik mit Studium“, sechs Industriekaufleute, zwei Kaufleute für Büromanagement, zwei Kaufleute für Spedition- und Logistikdienstleistungen und eine Servicekraft für Schutz und Sicherheit. Mit dem erfolgreichen Abschluss starten alle Absolventinnen und Absolventen als qualifizierte Fachkräfte in das Berufsleben.

27 Millionen
Tonnen kostet der für Ende 2026 geplante Bau einer zukunftsweisenden Anlage zur CO2-neutralen Produktion von E-Methanol aus der Luft durch das Essener Start-up Greenlyte Carbon Technologies. Mit der integrierten Technologie zur Produktion von grünem Kohlendioxid (CO2) und grünem Wasserstoff (H2) von Greenlyte wird die Anlage voraussichtlich bis zu 1.400 Tonnen CO2 und circa 200 Tonnen H2 pro Jahr produzieren. Danach werden die im Prozess entstehenden Gase zu 1.000 Tonnen E-Methanol pro Jahr synthetisiert. Vorteil für den Chemiepark: Methanol ist ein wesentlicher Basisrohstoff für viele chemische Betriebe am Standort. Das Essener Start-up hat für die Anlage im Chemiepark die Zusage einer zweistelligen Millionen-Euro-Finanzierung im Rahmen des Programms „EFRE Produktives.NRW“ erhalten, das von Nordrhein-Westfalen und der Europäischen Union kofinanziert wird.