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Von Klaus Bernhard Hofmann
Aktuell prägen hohe Energiepreise, zunehmender globaler Wettbewerbsdruck, tiefgreifende Transformationsanforderungen sowie geopolitische Unsicherheiten die Lage der Chemie‑ und Pharmaindustrie. In einer Phase erheblicher Belastung und struktureller Umbrüche steht die Branche vor einem entscheidenden Wendepunkt. Gleichzeitig eröffnen sich neue strategische Entwicklungsspielräume – vor allem durch Nachhaltigkeitsinnovationen, dem Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, der fortschreitenden Digitalisierung sowie durch potenziell neue globale Handelsabkommen.
Welche strategischen Perspektiven ergeben sich bis 2030? Vor diesem Hintergrund lassen sich aus heutiger Sicht drei plausible Entwicklungsszenarien skizzieren. Im Risikoszenario einer „Erosion des Standorts“ bleiben Energiepreise dauerhaft hoch und regulatorische Rahmenbedingungen komplex. Investitionen würden verstärkt ins Ausland abwandern, was zu einer schrumpfenden Basischemie, zu Standortverlagerungen und zu erheblichen Beschäftigungsverlusten führen könnte.
Das zweite, derzeit wahrscheinlichste Szenario beschreibt eine „selektive Erholung“. Während die Basischemie weiter unter hohem Druck bleibt und restrukturiert wird, verzeichnet die Spezialchemie – etwa in den Bereichen Pharma, Feinchemie oder Batteriematerialien – ein stabiles Wachstum. Digitalisierung trägt hier zur Effizienzsteigerung bei, die Erholung verläuft jedoch ungleichmäßig.
Das dritte Szenario schließlich eröffnet ein Chancenfenster für einen innovationsgetriebenen Aufschwung: Voraussetzungen wären ein erfolgreicher Markthochlauf von grünem Wasserstoff, eine breit skalierte Kreislaufwirtschaft sowie wirksame Investitionsimpulse. In diesem Fall könnte Deutschland seine Rolle als Technologieführer einer nachhaltigen Chemie zurückgewinnen – eingebettet in die Energiewende und neue industrielle Wertschöpfungsketten.
Wo steht die Branche heute? Kurzfristig, in den Jahren 2026 und 2027, bleibt die Lage weiterhin schwierig: Hohe Kosten, rückläufige Produktion und massiver Transformationsdruck bestimmen das Bild. Ab etwa 2028 eröffnen Digitalisierung und Nachhaltigkeit jedoch neue Wachstumsfelder. Langfristig bis 2030 bleibt die Chemieindustrie eine Schlüsselbranche für den Industriestandort Deutschland, allerdings nur unter der Voraussetzung signifikanter Investitionen in grüne Technologien, Energieinfrastruktur und Automatisierung.
Vor diesem Hintergrund ruft der VAA eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben. Ziel ist es, Orientierung in einer Phase struktureller Unsicherheit zu bieten und die zentralen wirtschafts , energie und industriepolitischen Weichenstellungen bis 2030 einzuordnen.
Die Reihe will der Frage nachgehen, ob die aktuelle Krise der deutschen Chemie überwiegend zyklischer Natur ist oder auf einen tiefergehenden Strukturbruch hindeutet. Im Mittelpunkt stehen dabei die entscheidenden Standortfaktoren – Energie, Regulierung und Investitionsklima –, die globalen Wettbewerbsdynamiken mit Blick auf die USA, China und den Nahen Osten sowie realistische Szenarien für Produktion, Wertschöpfung und Beschäftigung bis 2030.
Adressaten der Veranstaltungsreihe sind Fach und Führungskräfte sowie Entscheidungstragende, die aktuell über Investitionen, Standortstrategien, Portfolioanpassungen und Transformationspfade entscheiden müssen. Erwartet wird keine Detaildiskussion einzelner Technologien, sondern ein klarer, datenbasierter strategischer Rahmen: Was ist gestaltbar – und was nicht? Wo lohnt sich Engagement, und wo sind neue Prioritäten erforderlich?
Den Auftakt bildete die VAA-Delegiertentagung am 9. Mai 2026 mit FAZ Herausgeber Gerald Braunberger zur Zukunft des Industriestandorts Deutschland. In der weiteren Planung stand die Frage im Vordergrund, welches Thema derzeit die größte Orientierung, Entscheidungsrelevanz und den höchsten Diskussionsdruck in unserer Branche erzeugt. Die Antwort ist keine singuläre Fachfrage, sondern eine übergreifende strategische Standort und Transformationsentscheidung, die Technologie, Ökonomie und Führung miteinander verbindet.
Unter dem Titel „Zukunft der Chemie in Deutschland 2030: Transformieren oder Verlagern? Strategische Entscheidungen unter Energie , Kosten und Klimadruck“ soll für die kommende Veranstaltung eine Fragestellung adressiert werden, die alle Teilbranchen betrifft, von der Basischemie über Spezial und Pharmachemie bis hin zur Werkstoffchemie. Sie zwingt zur Priorisierung von Investitionen, Portfolios und Standorten, verbindet ökonomische Realität mit Transformationsambition und ist hoch anschlussfähig für weiterführende Diskussionen. Genau diese Fragen beschäftigen Führungskräfte derzeit unmittelbar. Der VAA befindet sich im Gespräch mit potenziellen Referenten zu diesem Thema.
In den Folgeveranstaltungen rücken technologische und strukturelle Transformationsthemen in den Fokus, etwa die Frage „Dekarbonisierung der Chemie: Was ist bis 2030 realistisch – und was Wunschdenken?“. Ergänzt wird dies durch eine Auseinandersetzung mit der globalen Konkurrenz unter dem Titel „China, USA, Nahost: Warum Standortpolitik allein nicht reicht“.Eine weitere Veranstaltung gibt schließlich der Branche selbst eine Stimme: „Was bleibt vom Chemiestandort Deutschland?“ Die Veranstaltungen werden abwechselnd analog und digital durchgeführt. Nach Auftaktformaten in Köln ist auch eine Verlagerung nach Berlin geplant, um den direkten Dialog mit der Politik zu suchen.
Ziel der Berliner Veranstaltung ist keine abstrakte Debatte, sondern die Konfrontation analytischer Befunde mit politischer Umsetzbarkeit: Was folgt konkret aus der Diagnose? Teilnehmen werden Führungskräfte der Chemieindustrie auf Vorstand und Geschäftsführungsebene, Vertreterinnen und Vertreter der Bundes und Landespolitik, Spitzenverbände sowie Wissenschaft.
Unter dem Leitthema „Industriepolitik für die Chemie 2026 – 2030: Prioritäten statt Wunschlisten“ werden energie und steuerpolitische Entlastungen, Netzausbau, Planungsbeschleunigung, Beihilfepfade, Carbon Contracts for Difference und Handelsabkommen diskutiert – ebenso wie Zielkonflikte zwischen Klimaschutz, Kosten, Wettbewerbsrecht und Beihilferecht. Auch Fragen des Arbeitsmarkts und der Fachkräfteentwicklung bis 2030 sowie die Kooperationen zwischen Hochschulen und Industrie werden eine zentrale Rolle spielen.
Auf dieser Grundlage widmet sich die Reihe anschließend den konkreten Transformationsfeldern der Chemie: der Dekarbonisierung, Digitalisierung und Prozessinnovation, der Rohstoffwende hin zu Kreislaufchemie und Recycling sowie den Wachstums und Zukunftsfeldern der Spezialchemie, etwa in der Batterie und Energiechemie. Selbstverständlich werden auch die Pharmaindustrie, Biotechnologie und Life Sciences ebenso berücksichtigt wie Halbleiter und Elektronikchemikalien.
All diese Themen sind ureigene Anliegen des VAA. Nur wer sie fachlich fundiert transportiert und klar kommuniziert, schafft die Grundlagen für eine mögliche Renaissance der deutschen Chemie- und Pharmabranche. Wie diese Renaissance konkret aussehen kann, wird nicht vorweggenommen. Das wird erarbeitet. Dennoch lassen sich klare Prämissen benennen: wettbewerbsfähige Energiepreise, beschleunigte Genehmigungen, massive Investitionen und eine klare Spezialisierungsstrategie.
Mögliche Ergebnisse wären eine Auslastung von über 80 Prozent der Produktionsanlagen, Wachstum in der Spezialchemie, grüne industrielle Leuchttürme, klimaneutrale Prozesse, robuste Exportpositionen und eine positive Beschäftigungsdynamik in hochqualifizierten Profilen – und damit eine gestärkte internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Diese Schlussfolgerungen sollen abschließend mit namhaften Persönlichkeiten diskutiert und in ein Thesenpaper gegossen werden. Im Zentrum steht dabei die Frage: Welche Zukunft wollen wir – und was ist konkret zu tun? Wir als VAA wollen klare Meilensteine für die Jahre 2026 bis 2030 benennen sowie einen strategischen Ausblick bis 2040 geben.
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