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Von Patrick Herrmann
Es war ein Déjà-vu: CDU-Prominenz wird beim DGB-Bundeskongress ausgepfiffen. Damit ereilte Bundeskanzler Friedrich Merz das gleiche Schicksal wie einst Angela Merkel, als er Mitte Mai ans DGB-Rednerpult trat. Nicht laut, nicht anhaltend, aber vernehmlich. Die Reaktion aus dem Saal war weniger Protest gegen eine Person als Ausdruck einer grundsätzlichen Spannung.
Der VAA schaut auf diesen Moment mit einer gewissen Distanz zu beiden Polen. Fach- und Führungskräfte sind gewerkschaftlich organisiert, allerdings sind sie qua Rolle oft in einer Sandwichposition, die gleichzeitig Arbeitnehmerinteressen vertritt und die unternehmerische Perspektive kennt. Das macht eine Haltung zu aktuellen Reformdebatten weder einfacher noch populärer.
Erschwerend kommt hinzu: Sozialreformen allein werden die Wirtschaft des Landes nicht wieder voranbringen. Adrian Willig, Direktor und geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des VDI, benannte es beim Deutschen Führungskräftetag deutlich: „Es geht immer um eine systemische Lösung. Wir müssen alles ganzheitlich in den Blick nehmen.“
Die Berichterstattung über die Merz-Rede konzentrierte sich naturgemäß auf das Pfeifkonzert. Was dabei in den Hintergrund geriet, war der Inhalt. Merz benannte die strukturellen Ursachen der deutschen Wirtschaftsmisere klar: sieben Jahre wirtschaftliche Stagnation, verpasste Modernisierungen, demografischer Druck auf die Sozialsysteme. Er betonte: Ohne Wachstum gibt es keine neuen Arbeitsplätze, keine auskömmliche Rente, keinen leistungsfähigen Sozialstaat. Darüber hinaus führte er eine wichtige – wenngleich sie selbstverständlich klingen mag – Unterscheidung ins Feld: Das Problem sind nicht die Löhne, sondern Steuern, Abgaben und Energiekosten.
Die anstehenden Reformen sollen laut Merz kein „Sozialabbau“ seien, sondern Strukturanpassungen. Maßnahmen, die allen etwas abverlangen und für alle langfristig besser sind. Gemessen an diesem Anspruch muss der Referentenentwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz einer kritischen Prüfung unterzogen werden.
Das Ziel ist legitim: Die gesetzliche Krankenversicherung verzeichnete 2024 ein Defizit von knapp zehn Milliarden Euro. Die Ausgaben steigen derzeit um fast acht Prozent pro Jahr, die Einnahmen nur um rund fünf Prozent. Ohne strukturelle Maßnahmen wäre ein Defizit von bis zu 40 Milliarden Euro bis 2030 absehbar gewesen.
Doch der Entwurf enthält eine Maßnahme, die in diesem Kontext besonders kritisch zu beurteilen ist: die erneute Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung. Zum 1. Januar 2026 war die BBG bereits, routinemäßig und einkommensbasiert, auf 69.750 Euro im Jahr gestiegen.
Nun sieht der Entwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken eine zusätzliche Erhöhung um 300 Euro im Monat vor. Das belastet höhere Einkommensgruppen. Die ULA, der VAA-Dachverband, hat diesen Vorschlag aus gutem Grund scharf kritisiert: Die zuständige Expertenkommission hatte eine solche Anhebung ausdrücklich nicht empfohlen. Im Gegenteil: Ihre langfristigen Reformempfehlungen wurden unterlaufen, bevor sie überhaupt ernsthaft zur Diskussion kamen.
Das eigentliche Problem ist nicht die Summe, sondern die Logik dahinter. Wer die BBG anhebt, belastet Menschen und ihre Familien: Chemiker im Labor, Ingenieurinnen in der Prozessentwicklung, Teamleiterinnen in der pharmazeutischen Forschung. Menschen, die bereits viel für das Gesundheitssystem geben, aber mit einer höheren Bemessungsgrenze keine zusätzlichen Versorgungsansprüche erwerben, obgleich sie höhere Beiträge zahlen. Das klingt nicht nach Reform, sondern wirkt wie eine Zusatzabgabe auf Leistung. Genau das lehnte der Kanzler in seiner DGB-Rede allerdings ab.
Ebenfalls kritisch zu bewerten ist das Fehlen einer Übergangsfrist bei der geplanten Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern ohne eigenes Einkommen. 85 Prozent der VAA-Mitglieder leben laut Einkommensumfrage in Ehe oder eheähnlicher Gemeinschaft und versorgen im Durchschnitt ein unterhaltsberechtigtes Kind. Einschnitte in gewachsene Familienstrukturen verdienen wenigstens eine planbare Übergangszeit.
Es gibt in dieser Reformdebatte eine gefährliche Versuchung: reflexartig Reformen als Angriff zu verstehen. Doch Obacht vor dieser Bequemlichkeit, Vereinfachung greift zu kurz. Denn im VAA war schon früh klar: Der Leistungsbegriff ist kein Drohwort, sondern Grundlage des Sozialstaats. Merz hat in seiner Rede vor den DGB-Delegierten entsprechend die Sozialpartnerschaft als Fundament der deutschen Wirtschaftskultur gelobt. Die vermeintliche Floskel ist eine Beschwörung lange gelebter Wirtschaftstugenden. Alle schaffen gemeinsam und niemand wird strukturell benachteiligt.
Fach- und Führungskräfte sind Menschen, die diese Denkweise verinnerlicht haben. Die Perspektive der Mitarbeitenden, die Sicherheit und Fairness erwarten, und die Perspektive der Unternehmensführungen, die wissen, wie fragil wirtschaftlicher Erfolg im Zweifelsfall ist. „Widersprüche aushaltbar zu machen und auszugleichen“, so beschrieb Unionspolitiker Ralph Brinkhaus die Aufgabe auf dem Führungskräftetag.
Diese Position zwischen Vorstandsetage und Mitarbeiterschaft ist keine schwache. In ihr steckt Identität und Stärke, denn sie erlaubt es, auszugleichen: Ja, Reformen sind notwendig. Und gleichzeitig: Nein, diese spezifische Maßnahme ist nicht gerecht.
Die aktuelle Reformdiskussion lässt sich nicht vom wirtschaftlichen Kontext trennen, in dem sie stattfindet. Die chemisch-pharmazeutische Industrie, die Branche, in der unsere Mitglieder arbeiten, hat harte Jahre hinter sich. 2025 wurden erneut Umsatzrückgänge verzeichnet, der Stellenabbau hält an. 2.400 Arbeitsplätze gingen – vermutlich unwiederbringlich – verloren, die Produktionsanlagen waren nur noch zu rund 70 Prozent ausgelastet. Jedes fünfte der befragten Mitgliedsunternehmen plant, Produktion zu verlagern oder stillzulegen. Jedes zehnte Unternehmen erwägt, komplette Standorte zu schließen.
Branchenübergreifend verlor die deutsche Industrie 2025 laut EY-Industriebarometer rund 124.000 Stellen. Seit 2019 sind es insgesamt 266.000 Industriearbeitsplätze, die in ihrer großen Mehrheit nicht zurückkehren werden. Das ist der Hintergrund, vor dem Führungskräfte in der Chemie täglich Entscheidungen treffen, und vor dem wir über Abgabenbelastungen reden.
Merz hat in seiner Rede darauf hingewiesen, dass Industriearbeitsplätze nicht verschwinden, weil die Standortbedingungen neu aufgestellt wurden, sondern weil man genau das zu lange versäumt hat. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum die Antwort auf diesen Befund die Erhöhung der Abgabenlast für hochqualifizierte Beschäftigte ist. Wer Leistung unattraktiv macht, setzt den falschen Anreiz. Wer gleichzeitig versäumt, die eigentlichen Kostentreiber in Energie, Bürokratie und Infrastruktur anzugehen, verliert am Ende beides: Leistungsträger und Leistungsfähigkeit.
Fach- und Führungskräfte stehen Reformen nicht grundsätzlich entgegen. Im Gegenteil: Sie wissen aus ihrer täglichen Arbeit, dass Stillstand keine Option ist. Die Stabilisierung der GKV ist notwendig. Die Reform der Alterssicherung ist überfällig. Das Altersvorsorgereformgesetz, das bestehende Schwächen der Riester-Förderung adressiert und kapitalmarktorientiertere Lösungen ermöglicht, ist ein richtiger Schritt.
Aber Reformen der Sozialversicherungssysteme sind kein Standortprogramm. Sie sichern Stabilität. Zukunft schaffen sie nicht. Wer Deutschland aus der Stagnation führen will, braucht einen zweiten Akt. Die Hightech-Agenda kann ein erster Ansatz sein, doch es braucht mehr als sechs Kernfelder: eine aktive, substanzielle Industriepolitik für die Sektoren, die das Land tragen. Die chemisch-pharmazeutische Industrie ist einer davon. Sie steht für Innovation, Versorgungssicherheit, Exportstärke und Zehntausende hochqualifizierte Arbeitsplätze. Wenn der VCI-Präsident sagt, die Industrie funke SOS, dann sollte das in Berlin ankommen.
Was noch fehlt, ist keine Rettungsaktion, sondern Verlässlichkeit. Wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, Investitionen in Forschungsinfrastruktur. Eine kluge Innovationspolitik, die nicht bei Start-ups endet. Wer die industrielle Substanz dieses Landes erhalten will, muss mehr tun als stabilisieren. Er muss Anreize schaffen zu investieren.
Die über die reguläre Anpassung hinausgehende BBG-Erhöhung muss auf das Maß zurückgeführt werden, das die Expertenkommission empfohlen hat. Die Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung braucht eine angemessene Übergangsfrist, denn Familienentscheidungen sind keine politische Verfügungsmasse. Und die Rentenreform muss berücksichtigen: Wer nach einem langen Studium und begleitenden Jobs spät ins Berufsleben einsteigt, leistet über Jahrzehnte erhebliche Abgaben. Auch dieser Rentenanspruch ist mit 67 Jahren verdient. Eine Anhebung des Rentenalters für Akademiker, ohne dies zu würdigen, wäre eine Kürzung auf Umwegen.
Das Pfeifkonzert beim DGB-Kongress war ein Symptom. Es zeigt, wie groß der Druck geworden ist. Die notwendigen Sozialreformen, die alle betreffen sollen, müssen auch alle mitnehmen. Danach müssen die industriepolitischen Leitplanken gestellt werden. Noch einmal zum Führungskräftetag: Dort sagte CEC-Präsident Maxime Legrand, Cheflobbyist der Führungskräfte in Europa, das Folgende: „Zukunft wird durch ‚tun‘ gebaut, nicht durch ‚warten‘“.