Politik

Fach- und Führungskräfte als Gestalter

Dr. Christoph Gürtler von der Covestro Deutschland AG ist 2. Vorsitzender des VAA. Hier spricht er auf der VAA-Jahreskonferenz im November 2025 in Essen.
Dr. Christoph Gürtler von der Covestro Deutschland AG ist 2. Vorsitzender des VAA. Foto: Silke Steinraths Photography – VAA

Wer nur verwaltet, verspielt die Industrie-DNA

Von Patrick Herrmann

Führungskräfte sind vieles im Konstrukt der modernen Industrie: Führungsfiguren, Stabilitätsanker oder Demotivator, Ideengeber und Wissensträger. Sie bringen vor allem die Fähigkeiten mit, die der deutsche Wirtschaftsstandort jetzt braucht. Man lasse sie machen.

Seit Jahren befindet sich die VAA-Branche Chemie und Pharma unter starkem Druck. Die Kapazitätsauslastung fiel im dritten Quartal 2025 auf rund 70 Prozent – den niedrigsten Wert seit 35 Jahren. Damit lag sie weit unter der Rentabilitätsschwelle. Die Krise spiegelt sich auch in Meldungen über Beschäftigungsabbau und im Arbeitsaufwand der VAA-Geschäftsstelle wider. Anlagenschließungen und Produktionsverlagerungen führen zu einem dauerhaften Verlust von Industriearbeitsplätzen. VCI-Präsident Markus Steilemann brachte es vorausschauend schon 2024 auf den Punkt: „Was weg ist, bleibt weg.“

Gesellschaftliche Zahlen, nicht weniger erschreckend: Das „Edelman Trust Barometer“, eine Erhebung der internationalen New Yorker Kommunikationsberatung, zeigt, dass in Deutschland ein generelles, gesellschaftliches Misstrauen herrscht. Mit einem Trust-Index von lediglich 44 Punkten bleibt Deutschland wie in den Vorjahren im unteren Bereich des institutionellen Vertrauens. Gleichzeitig sinkt der Zukunftsoptimismus weiter. Nur acht Prozent der Menschen in Deutschland glauben, dass es der nächsten Generation besser gehen wird als heute. Wirtschaftlich bedeuten die Zahlen: Anlagen werden heruntergefahren, Laboratorien schließen, Ingenieurkarrieren entwickeln sich ins Ausland – jahrzehntelang aufgebautes chemisches Know-how, das unwiederbringlich verloren geht. Gesellschaftlich bedeutet das: Hochbezahlte und hochgebildete Arbeitsplätze verschwinden, politische und gesellschaftliche Blasen verstärken sich. Wenn Deutschland seinen industriellen Kern verliert, verliert es auch seine gesellschaftliche Mitte.

Führungskräfte, Sozialpartner, Erfolge


Die Deutschland AG war kein Selbstläufer. Entscheidend für sie war nicht nur technisches Können, sondern ein Verständnis von Führung als gesellschaftliche Verantwortung, in der die leitenden Angestellten als verbindender Sozialpartner eine gewichtige Rolle spielen. Die Europäische Kommission kam schon 1998 in einem Bericht zu dem Schluss: „Das Konzept der Mitbestimmung hat sich als wirksames Instrument zur Regulierung der Arbeitsbeziehungen auf Unternehmensebene, zur Sicherung der sozialen Integration der Belegschaft und zur Schaffung einer besonderen Unternehmenskultur des gegenseitigen Vertrauens und der Zusammenarbeit bewährt.“

Die soziale Marktwirtschaft war immer mehr als eine reine Wirtschaftsordnung. Sie war eine Idee der Zusammenarbeit, die ohne tief verwurzeltes Wissen von Fach- und Führungskräften unmöglich gewesen wäre. Sie verband betriebliche Mitbestimmung mit hoher Qualifikation und internationaler Wettbewerbsfähigkeit.

„Der Prozess der Wissensgenerierung [ermöglicht] technologischen Fortschritt“, schreibt der Wirtschaftsdienst des Leibnitz-Informationszentrums Wirtschaft und bezieht sich dabei auf Ideen, die unter anderem die beiden Nobelpreisträger Paul Romer (Nobelpreis 2018) und Joel Mokyr (Nobelpreis 2025) geprägt haben. Ihre Erkenntnis: Anwendungswissen führt nur zu Fortschritt, also wirtschaftlichem Wachstum, wenn das Warum und Wie geklärt ist.

Insbesondere in der forschungsintensiven Chemie- und Pharmaindustrie kommen hier die Fach- und Führungskräfte ins Spiel. Sie haben den breiten Horizont, oftmals langjährige Erfahrung in ihren Unternehmen. Das Leibniz-Informationszentrum schreibt: „Um Wissen wirtschaftlich nutzbar zu machen, brauchte es technisch kompetente Arbeitskräfte.“

Die unterschätzte Kraft der Führungsebene


Eine aktuelle Gallup-Erhebung zeigt, dass nur zehn Prozent zur Gruppe der Mitarbeitenden mit „hoher emotionaler Bindung“ Bindung gegenüber ihrem Unternehmen gehören. Ganze 77 Prozent haben eine geringe emotionale Bindung. Legt man diese Werte über Erkenntnisse aus dem Trust Barometer, gibt das Aufschluss über die Bedeutung von Führungskräften: 45 Prozent der Beschäftigten geben an, sie würden lieber die Abteilung wechseln, als für eine Führungskraft mit stark abweichenden Werten zu arbeiten. 32 Prozent würden ihr Engagement reduzieren. „Geringe emotionale Bindung ist kein Einstellungs-, sondern ein Führungsproblem“, sagte der Gallup-Studienleiter Marco Nink gegenüber dem Handelsblatt. Das ist keine Meinungsverschiedenheit über Kantinenkaffee. Das ist ein handfester Produktivitätsverlust.

Allerdings gibt es eine zweite, sehr relevante Zahl, die Hoffnung verspricht: Mit 74 Prozent Vertrauen unter Beschäftigten ist der eigene Arbeitgeber laut Trust Barometer die einzige Institution in Deutschland, die eine klare Vertrauensmehrheit erreicht – weit vor Wirtschaft (48 Prozent), Medien (46 Prozent), Regierung (42 Prozent) und NGOs (41 Prozent). Überhaupt zeigt die Erhebung: Das Vertrauen in nahestehende Menschen wie Familie und Kollegen steigt. Ein Pfund für Fach- und Führungskräfte.

Was Führungskräfte heute tun müssen


Und damit ergibt sich eine Chance, die eine Führungsaufgabe ist, um die Produktivität und damit den Standort wieder nach vorn zu bringen. „Wir sehen eine immer größere Verantwortung auf Führungskräften lasten“, sagt der 2. Vorsitzende des VAA Dr. Christoph Gürtler. „Das zeigt die Forschung deutlich. Und wir erfüllen unsere Aufgaben mit Hingabe gern.“ Als Vertreter der leitenden Angestellten ist Gürtler Mitglied im Aufsichtsrat von Covestro. „Wir sehen in den vergangenen Jahren eine erschreckende Parallelität: Es besteht ein dringender ökologischer Innovationsbedarf in unserer Branche, der auch erklärt werden muss. Gleichzeitig wurde insbesondere in den sogenannten Zwischenebenen der Unternehmen, dem verbindenden Management mit langjährigem Fachwissen, gespart. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.“

Die Transformation in der Chemie- und Pharmabranche hat zwei Dimensionen: eine ökologische und eine digitale. Keine dieser Herausforderungen lässt sich verwalten. Der Deutsche Führungskräftetag 2026, zugleich der 75. Geburtstag der ULA, greift diesen Sachverhalt im Titel auf: „Mutig führen - Haltung zeigen - Zukunft prägen“. Konkret bedeutet das für Führungskräfte:

Macher-Mentalität wieder leben. Führungskräfte setzen klare Ziele und übernehmen Verantwortung. Sie ermächtigen, statt zu delegieren, zeigen Haltung und akzeptieren bewusst kalkulierbare Risiken.

Mitarbeitende zu Mitgestaltenden machen. Angst lähmt. Führungskräfte, die wahrgenommene Risiken und Bedrohungen nicht adressieren, verlieren die produktive Kraft ihrer Teams genau dann. Stattdessen Orientierung geben, ehrlich kommunizieren und Entwicklungsperspektiven aufzeigen, um produktive Gestaltungsräume zu öffnen.

KI als Führungskompetenz anerkennen. Führungskräfte müssen KI in ihrem Arbeitsbereich – vom KI-gestützten Labormanagement bis zur automatisierten Regulatorik – beherrschen und als strategische Gestalter fördern.

Rückendeckung für Fach- und Führungskräfte


Fach- und Führungskräfte können nur so stark sein, wie die Rahmenbedingungen es erlauben. Hier tragen Politik und Unternehmen unmittelbare Verantwortung. „Unternehmen und Führungskräfte haben viele gemeinsame Interessen“, sagt Christoph Gürtler. „Die wirtschaftspolitischen Klassiker wären keine, wenn es nicht seit Jahren dringlich wäre, sie zu lösen. Wettbewerbsfähige Energiepreise und reduzierte Bürokratie sind definitiv notwendig, wie der Abschwung der vergangenen Jahre zeigt.“

„Wir müssen allerdings auch darüber reden, wie wir das Wissen in den Unternehmen halten können. Innovation braucht Zeit. Entwicklungszyklen dauern Jahre, manchmal Jahrzehnte. Know-how sammelt sich nicht in Quartalen an, sondern durch verlässliche Zusammenarbeit.“ Christoph Gürtler weiter: „Bei allem Verständnis für die aktuelle Lage unserer Unternehmen müssen wir auch deutlich klarmachen: Wir verbrennen blindlings unseren Wettbewerbsvorteil, wenn wir nur finanzgetrieben Personal abbauen, ohne das Wissen der Menschen zu transferieren.“

Vertrauen und Befugnisse stärken


Fach- und Führungskräfte werden wirtschaftlich und gesellschaftlich gebraucht. Ohne sie wird der Industriestandort Deutschland einschneidende Veränderungen erleben und gut bezahlte Arbeitsplätze unwiederbringlich verlieren. Wer diese Ressource verspielt, verspielt die Zukunft.  

Deswegen ist eine starke Vertretung der Fach- und Führungskräfte in den Betrieben, darüber hinaus aber auch im politischen Willensbildungsprozess unerlässlich. Der VAA übernimmt diese Rolle seit jeher, denn klar ist: Ohne Fach- und Führungskräfte gibt es kein Wissensmanagement, der Standort erlahmt und schließlich spüren alle die gesellschaftlichen Auswirkungen der voranschreitenden Deindustrialisierung.