Fach- und Führungskräfte enttäuscht: Industriepolitisch ein verlorenes Jahr!

Fach- und Führungskräfte der Chemie- und Pharmaindustrie sind unzufrieden mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Das industriepolitische Umfeld der Branche lässt an vielen Stellen weiterhin zu wünschen übrig, zeigt eine Umfrage der Branchenorganisationen VAA und DECHEMA. Besonders drastisch: Geht die Energiekrise infolge der Situation im Nahen Osten weiter, droht der Industrie ein weiteres Jahr ohne Perspektive. Es fehlt ein ausreichender Beitrag zur Sicherung der hochqualifizierten Arbeitsplätze.

 

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Dr. Christoph Gürtler von der Covestro Deutschland AG ist 2. Vorsitzender des VAA. Foto: Silke Steinraths Photography – VAA


Der größte Schmerzpunkt der Fach- und Führungskräfte unter 18 abgefragten Standortfaktoren sind die Energiepreise. Direkt dahinter folgt Bürokratie als Hemmnis für Wachstum und Innovation. Brisant: Damit decken sich die aktuellen Ergebnisse mit denen aus dem Jahr 2025. „Industriepolitisch ist ein Jahr verloren gegangen“, sagt Dr. Christoph Gürtler, 2. Vorsitzender des VAA und Aufsichtsratsmitglied bei Covestro. „Wir laufen Gefahr, hochqualifizierte, für die deutsche Resilienz wichtige Arbeitsplätze in Deutschland nicht mehr sichern zu können. Daher brauchen wir endlich eine Standort- und Wirtschaftspolitik, die nicht weiter kleckert, sondern klotzt.“ 

Ein Rückschlag für den aufkeimenden Wirtschaftsaufschwung – die Auftragseingänge deutscher Unternehmen stiegen in den vergangenen Monaten – ist die Irankrise, die nach der Erhebung eskaliert ist. Insbesondere die energieintensive Chemiebranche wird hart getroffen durch die rasant gestiegenen Energiepreise. Das belastet schon jetzt das Wirtschaftswachstum in Deutschland moderat, wie unter anderem das DIW Berlin bekanntgab. „Damit die ohnehin gebeutelte Chemieindustrie nicht gänzlich den Boden unter den Füßen verliert, darf es keine industriepolitischen Denkverbote geben“, erklärt VAA-Hauptgeschäftsführer Stephan Gilow. „Wir müssen die Energiepreisbelastung verringern, Halbmaßnahmen reichen nicht mehr! Die Ausweitung des Industriestrompreises auf 80 Prozent oder steuerliche Sonderabschreibungen wären das dringend benötigte Zeichen für unseren Standort.“ 

Viel Schatten, aber auch Licht 


Wenngleich die Lage weiterhin düster erscheint, hat die Umfrage in den Unternehmen und Forschungseinrichtungen der chemisch-pharmazeutischen Industrie auch Verbesserungen zutage gefördert. Leicht im Aufwind, verglichen mit dem vergangenen Jahr, sehen die Fach- und Führungskräfte die Verkehrs- und Digitalinfrastruktur sowie die Verfügbarkeit von Fachkräften. Die vorhandene Produktionsinfrastruktur und das Ausbildungsniveau der Fachkräfte wurden erneut als wichtige Standortfaktoren positiv bewertet. 

Mit Blick auf die insgesamt sehr durchwachsenen Ergebnisse der Umfrage mahnt Christoph Gürtler: „Arbeitsplätze, die in der deutschen Chemieindustrie verlorengehen, werden sich nur sehr schwer wieder zurückholen lassen. Die Bundesregierung muss beim Reformtempo zulegen, um eine weitere Deindustrialisierung unseres Standorts zu verhindern und hochqualifizierte Beschäftigung zu sichern – für Kolleginnen und Kollegen im Beruf, aber auch für diejenigen, die aus unseren Universitäten nachfolgen.“ 

Ausbildung in MINT-Fächern Deutschlands größte Stärke 


Stärken und Schwächen sehen die Umfrageteilnehmenden bei der Positionierung der deutschen Chemie- und Pharmabranche im internationalen Wettbewerb: Während die Ausbildung im MINT-Bereich von fast 60 Prozent der Befragten als im Vergleich sehr gut oder eher gut bewertet wird, sind es im Hinblick auf die Erneuerungsfähigkeit nur 14 Prozent. 

„Unsere größte Stärke sind die exzellent ausgebildeten und kreativen Köpfe in unserem Land“, erklärt DECHEMA-Geschäftsführer Dr. Andreas Förster. „In ihnen steckt die Innovationskraft, die wir für die Erneuerung des Standorts brauchen.“ Damit sie sich entfalten könne, müssen jedoch die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. „Die Umfrage ist deshalb kein Grund zur Resignation, sondern ein klarer Auftrag: Jetzt gilt es, die Voraussetzungen zu schaffen, damit technologische Lösungen entstehen, die unsere Wettbewerbsfähigkeit sichern. Darin liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft.“ 

Durchgeführt wurde die Umfrage zum Chemie- und Pharmastandort Deutschland zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 unter Mitgliedern des VAA und der DECHEMA, die als Fach- und Führungskräfte in Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Chemie- und Pharmabranche tätig sind.