08. Juli 2010

Balancierstange gefällig?

Auf den ersten Blick läuft alles. Die Wirtschaftsforschungsinstitute korrigieren ihre Konjunkturprognosen nach oben, die Kapazitätsauslastung in der Industrie steigt. Der Arbeitsmarkt ist in verblüffend robuster Verfassung. Die Stimmung der Chemie-Führungskräfte ist unterdessen gedämpft. Das zeigt die diesjährige VAA-Befindlichkeitsumfrage.  In vielen Unternehmen verteilten die VAA-Mitglieder schlechtere Noten als im Vorjahr.

Und in der Tat: Es wäre verfrüht, angesichts der konjunkturellen Erholung in Jubelstürme auszubrechen. Die sinkenden Arbeitslosenzahlen sind ohne Frage erfreulich. Einen wesentlichen Beitrag dazu haben die flexiblen Arbeitszeitregelungen geleistet, die Arbeitnehmervertreter und Unternehmen in der Krise vereinbart haben. Einmal mehr hat sich gezeigt: Das deutsche Modell der Mitbestimmung ist kein Hemmschuh, sondern ein Standortvorteil.

Der hohe Beschäftigtenstand darf unterdessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe weiterhin rückläufig ist. Im April 2010 gab es in der deutschen Chemie laut Statistischem Bundesamt rund ein Prozent weniger Jobs als ein Jahr zuvor.  

In der Juni-Ausgabe des ifo-Geschäftsklimaindex bewerteten die Unternehmen zudem ihre Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate erstmals seit Mitte 2008 schlechter als im Vormonat. Gerade das für die Chemie zentrale Exportgeschäft könnte nicht so kräftig weiterwachsen wie in den letzen Monaten. Wichtige Handelspartner Deutschlands kämpfen mit hohen Staatsschulden und müssen sparen.

Die deutsche Bundesregierung wird die wirtschaftliche Erholung ebenso nutzen müssen, um die in Schieflage geratenen Staatsfinanzen wieder ins Lot zu bringen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Haushaltssanierung zu Lasten der Konjunktur und Konjunkturförderung zu Lasten des Haushalts. Das Schwanken der Meinungen im Regierungslager – Stichwort Mehrwertsteuer für Hoteliers - lässt im Moment nicht auf ein besonders ausgeprägtes Gleichgewichtsgefühl innerhalb der Koalition schließen. Bislang beweist Schwarz-Gelb Trittfestigkeit auf einem anderen Terrain: Die Sparvorgaben der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse erreichen, ohne sie dabei versehentlich zu übertreffen. Dabei kalkuliert die Bundesregierung dankbar mit der robusten Arbeitsmarktlage. Sollte die sich ändern, kann es schnell eng werden.

International müssten die Finanzmärkte reguliert werden, solange Entscheidungsträgern und Öffentlichkeit die Folgen der Finanzkrise noch in wacher Erinnerung sind. Doch die Gelegenheit dazu haben die Staats- und Regierungschefs der G20 bei ihrem Gipfel in Kanada ungenutzt verstreichen lassen. Das darf nicht das Ende vom Lied sein. Warten wir gespannt ab, was der Stress-Test der Banken bringt.

Auch im Angesicht des aufkeimenden Aufschwungs bleibt also viel zu tun. Für die Politik heißt das: Den Haushalt mit Augenmaß konsolidieren, ein ausgewogenes und nachhaltiges industriepolitisches Konzept erarbeiten und sich international mit Nachdruck für den Schutz der Realwirtschaft vor finanzmarktinduzierten Verwerfungen einsetzen. Für die Unternehmen gilt: Wer von seinen Mitarbeitern mehr Einsatz fordert, muss ihre Befindlichkeiten ernst nehmen und ihnen mit Offenheit und Verlässlichkeit begegnen, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Und die Offenheit, die in Unternehmen gilt, kann für Politiker nicht falsch sein.

Dr. Thomas Fischer
1. Vorsitzender des VAA